Neumarkter Nachhaltigkeits-Memorandum 2008

Wir stehen an einem geschichtlichen Wendepunkt, an dem dem Klimawandel und der Bedrohung unseres Planeten nur mit einer „Großen Transformation“ begegnet werden kann.1 Diese Transformation muss jetzt beginnen.

Den Kommunen und Unternehmen kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Sie sind ideale Einheiten, um integrierte Lösungen des Klimaproblems zu organisieren, also geeignete Kombinationen von Vermeidungs- und Anpassungsmaßnahmen (Klimaschutz und Klimaanpassung) im direkten Dialog mit den konkreten Akteuren zu planen und zu erproben.

Kommunen und Unternehmen sind einerseits klein genug, um den schwerfälligen nationalen Tankern vorauseilen zu können. Andererseits sind sie groß genug, um individuelle Motive und Aktionen in gerichtete und kraftvolle kooperative Prozesse zu verwandeln. Hier gilt das Motto: „Medium is beautiful.“2

1. Notwendigkeit für eine Energieeffizienz-Revolution der Kommunen, Privathaushalte und Unternehmen für einen wirksamen Klimaschutz

Ohne die über 12.000 Kommunen, 39,2 Millionen Haushalte und 3.2 Millionen Unternehmen in Deutschland kann das 40 %-Minderungsziel der Bundesregierung bis 2020 nicht umgesetzt werden. Das größte CO2-Minderungspotenzial in Deutschland hat dabei die energetische Altbausanierung. Hierfür fehlen flächenhaft wirksame Rahmenbedingungen wie Standards, Anreizsysteme, Förderprogramme und gesetzliche Grundlagen (vgl. Marburger Solarsatzung).

Der gesamte Prozess läuft derzeit noch im Schneckentempo. Erfolgreiche Pilotprojekte in vielen Kommunen wie das DBU-Faktor-10-Sanierungsprojekt, das VARIOTEC-Nullenergiehaus oder das Modell „Pro Klima – contra CO2“ der Stadt München zeigen, dass die gegenwärtigen Standards und die damit bedingte Baupraxis meilenweit hinter den technologischen Möglichkeiten hinterherhinken Der Stand innovativer Bautechnologie wie Passivhaus oder Nullenergiehaus ist hier Jahrzehnte weiter als die durch überholte gesetzliche Standards zementierte derzeitige Bau- und Sanierungspraxis.

Um die Wirksamkeit des Klimaschutzes in Kommunen und Unternehmen massiv zu erhöhen und die Umsetzung radikal zu beschleunigen, sind eine umfassende Energieeffizienz-Revolution und ein offensiver Klimaschutz nötig. Visionäres Leitbild der Energieeffizienz-Revolution ist die Nullemission. Sinnvoll wäre neben einer Bundessolarliga (Beispiel Stadt Crailsheim) das Etablieren einer Bundeseffizienzliga. Die Energieeffizienz-Revolution wird nur dann greifen, wenn wirksame Anreiz- und Förderinstrumente geschaffen werden.

2. Notwendigkeit milliardenschwerer Energieeffizienz-Anreizsysteme und Förderinstrumente als Schlüssel für bezahlbare Energiepreise

Eine massive Steigerung der Energieeffizienz ist der Schlüssel, um langfristig für den Bürger und die Unternehmen bezahlbare Energiepreise zu sichern, Bürger vor Armut zu schützen, Rohstoffengpässe zu meistern und die CO2-Minderungsziele zu erreichen. Eine besondere Rolle spielt dabei eine an hohen Standards (ENEV 2012 (2007 minus 60 %) oder Passiv- und Energieplushaus) orientierte, flächendeckende Gebäudesanierung in allen Kommunen.

Für die beschleunigte, flächendeckende energetische Sanierung sind neue Anreiz- und Finanzierungsprogramme wie ein Zukunftsfonds (B.A.U.M.), ein Energieeffizienz-Programm sowie ein multinationales Innovations-Programm für die Sicherung der menschlichen Grundbedürfnisse (Potsdam-Memorandum) unabdingbar. Beispiele aus den Kommunen – etwa der Stadt München – zeigen, dass hier jeder Fördereuro bis zum Faktor 10 multipliziert werden kann.

Der Investitionsbedarf bei den Kommunen ist gewaltig. So konnten durch den Bund-Länder-Kommunen Investitionspakt 2008 allein in Bayern von beantragten 463 Projekten mit einem Investitionsvolumen von 850 Mio. € nur 97 Projekte mit einem Volumen von 90 Mio. € gefördert werden. Allein für den Bund-Länder-Kommunen-Investitionspakt ist eine Aufstockung um den Faktor 10 erforderlich.

Sollten jemals Restlaufzeiten für AKWs3 vereinbart werden, müssen diese Mittel in ein milliardenschweres Energieeffizienz-Programm mit einem Umfang von mehr als 50 Mrd. € für die 12.000 Kommunen, 39,2 Mio. privaten Haushalte und 3,2 Mio. Unternehmen und in die energieeffiziente Innovations- und Nachhaltigkeitsforschung investiert werden. Das neue Anreizsystem kann eine Initialzündung für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum4 entfachen, von dem besonders Mittelstand und Handwerk profitieren werden.

3. Notwendigkeit der flächendeckenden Anpassung aller Kommunen an Klimawandel und Extremwetter

Klimaschutz und Klimaanpassung können in Kommunen und Unternehmen nicht isoliert betrachtet werden. Notwendig ist eine flächendeckende Anpassung aller Kommunen, in Bayern also aller 2.056 Kommunen, an Klimawandel und Extremwetter. Von besonderer Bedeutung ist die Anpassung der Infrastruktur etwa hinsichtlich CO2-neutraler Kühlsysteme (Passives Kühlen), Starkregenschutz etc.

Zukünftig wird weniger das Heizen als vielmehr das Kühlen als Folge der Anpassung an Extremhitze mit Energieproblemen verbunden sein. Die Lösungsstrategien (Kommunaler Anpassungsplan) müssen dabei in das Gesamtgefüge der Kommunalen Entwicklungsplanung (Lokalen Nachhaltigkeitsstrategie) eingebettet sein. Für die Anpassung der Kommunen und Unternehmen bis 2020 sind flächendeckende Programme der Bundesländer erforderlich.

4. Notwendigkeit einer neuen Praxis und eines neuen Denkens, um den Klimawandel zukunftsfähig zu gestalten

Eine zukunftsfähige Gestaltung des Klimawandels wird mit disziplinären, interdisziplinären und fragmentierten Insellösungen alleine nicht gelingen. Die komplexen Probleme von Klimaschutz und Klimaanpassung sind wirksam nur durch langfristige, innovative und transdisziplinäre (ganzheitliche) Systemlösungen zu bewältigen. Systemlösungen sind der neue Maßstab für Klimaschutz und Klimaanpassung.

Forschung, Entwicklung und Praxis bedürfen neuer Formen der Zusammenarbeit und transdisziplinärer Forschungsansätze, wie sie beispielweise im neuem Bayerischen Kooperationsnetzwerk Klimawandel zwischen Wissenschaft, Unternehmen und Kommunen gelebt werden. Für die neue Praxis des Klimaschutzes und der Klimaanpassung ist ein neues Denken in Wissenschaft, Unternehmen, Kommunen und Staat nötig. Dabei kommt der nachhaltigen Bildung und Bewusstseinwerdung auf allen Ebenen, besonders aber in den Schulen, der Hochschulbildung, der Weiterbildung und in der Beratung eine Schlüsselrolle zu.

Junge Menschen aller Bildungsstufen müssen motiviert werden, Nachhaltigkeitsprobleme transdisziplinär und vernetzt zu lösen, basierend auf der vorangetriebenen Exzellenz in der Nachhaltigkeitswissenschaft. Hierfür müssen bundesweit die notwendigen Strukturen, z. B. Masterstudiengänge geschaffen werden. Ziel ist es, die nächste Generation dafür zu gewinnen, die Wissensbasis für das Wohlergehen der übernächsten Generation zu schaffen.

5. Unser Beitrag

Einen Beitrag hierzu will auch das WIR- und ZAN-Projekt der Stadt Neumarkt gemeinsam mit beteiligten Schulen und regionalen Unternehmen leisten. Über ein Qualifizierungskonzept sollen bereits während der Hauptschulphase Kinder in einer „Schule für die Schule“, untergebracht in einem Zukunftshaus, den Umgang mit vorgenannten Themen lernen und in der Praxis auch Nachhaltigkeit erarbeiten.

Bau, Evaluierung und Monitoring sollen durch eigene Wissenschaftsstellen aus dem ZAN-Bereich (Zentrum für angewandte Nachhaltigkeitswissenschaft) begleitet und ausgewertet werden.

Anmerkungen

  1. Vgl. das Potsdam-Memorandum „Global Sustainability: A Noble Cause“, das Grundlage für das Neumarkter Nachhaltigkeitsmemorandum ist.
  2. Vgl. auch S. Rahmstorf und H. J. Schellnhuber: Der Klimawandel. 2006
  3. Eine nachhaltige Welt ist nur ohne Atomenergie möglich. Damit ist nicht gesagt, dass das Memorandum sich für eine Restlaufzeit ausspricht.
  4. M. Gege: Unterwegs zu einem ökologischen Wirtschaftswunder. Hamburg 2008